Barcamp? Wie geht das?

Dieser Text ist auch auf Englisch erschienen. / This article is also available in English.

Barcamps sind toll, sie machen Spaß, sie sind für Jede|n, sie sind inklusiv und sie sind kostenlos. Jede|r darf sprechen und es ist ein sicherer Raum. Ich besuche Barcamps seit 2015. Und ich bin ein Fan. Ich glaube wirklich an diese Art von Ad-hoc-„Unkonferenzen“, die aus dem Wunsch von Einzelpersonen entstehen, die sich in einer offenen Umgebung mitteilen und voneinander lernen möchten. Bei diesen intensiven Veranstaltungen sind alle eingeladen, sich einzubringen, den Lernwillen zu teilen, Erfahrungen auszutauschen und eigene Sessions durchzuführen, sei es ein Vortrag, eine Diskussion, ein Workshop usw. Denn die Barcamp-Besucher|innen sind auch die Speaker|innen. Es gibt dabei ein gemeinsames Motto:

Wenn du vorbei komms, sei bereit mit anderen Barcampern zu teilen.
Wenn du gehst, sei bereit, es mit der ganzen Welt zu teilen.

Kürzlich war ich Rednerin (man nennt es „Session Host“ bei Barcamps) beim UXcamp Europe 2021, der Remote-Version. Das Event ist eines der größten Barcamps für UX Professionals mit mehr als 1000 Teilnehmer|innen aus der ganzen Welt. Das UXcamp hatte ich 2019 auch vor Ort besucht; es findet in der Regel einmal im Jahr in Berlin statt.

Und da alle Barcamper dazu angehalten sind, ihre Notizen, Folien, Audio oder Videos der Präsentationen zu veröffentlichen – zum allgemeinen Nutzen aller und derjenigen, die nicht anwesend sein können – habe ich einen Text auf Basis meines Session-Talk „How to unfuc* your form field“ geschrieben und außerdem die Session auf Video aufgenommen (siehe: YouTube-Video, Original mit Untertitel).

Und nun für alle, welche noch nie auf einem Barcamp waren, hier beschreibe ich meine diesjährige, virtuelle Barcamp-Erfahrung, wie geht also dieses „Barcamp“:


Der Session Pitch

Am Wochenende vom 5.-6. Juni fand das UXcamp Europe statt. Natürlich online – augrund der globalen Pandemie. Alle mussten also mit den „offiziellen“ Barcamp-Regeln etwas flexibel sein. Im Gegensatz zu der Regel, dass alle potenziellen Session-Hosts ihre Session vor dem gesamten Publikum des Barcamps zu Beginn des jweiligen Tages pitchen, hatten in diesem Jahr alle registrierten Session-Hosts einen Tag VOR dem 24h-UXcamp Zugang zum Session-Board (bereitgestellt auf Miro, einem Whiteboard-Plattform-Tool). Diesmal konnten sich die Session Hosts, aufgrund unendlicher Ressourcen hinsichtlich virtueller Meetingräume, ein beliebiges Zeitfenster aussuchen und füllten unsere Session Card am 24 Stunden – Session Board aus.

Für registrierte Session-Hosts hatte das UXcamp-Organisationsteam zudem am Tag vor dem Barcamp-Beginn zwei optionale Q&A-Sessions angeboten. Jede|r Gastgeber|in hatte die eigene Session im Miro-Board abgelegt. Das Board wurde gesperrt, geteilt und während des Barcamp-Events dem gesamten Publikum zugänglich gemacht.

Meine ausgefüllte Session Card für das UXcamp Europe 2021. Alle Teilnehmenden konnten damit jeweils die Inhalte zur Session nachlesen, sich das Pitch-Video (verlinktes Video) und der jeweiligen Kalendereinladung zur entsprechenden Live-Sitzung folgen.
©Christina Humpf

Bei früheren Barcamps, welche vor Ort stattfanden, pitchten die potenziellen Hosts ihre Session vor dem gesamten Publikum. Dieses wähle – gemessen durch die Lautstärke des Applaus – die Vorschläge der Sessions demokratisch. Die entsprechende Sessioncard wurde daraufhin an der Pinnwand (ist auch gleichzeitig Zeitplan) platziert, oft parallel zu anderen Sitzungen, welche zeitgleich in anderen Räumen stattfinden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass alle Details rund um eine Session auch in einer Session Card aufgeführt sind und mit einem kurzen „Live-Pitch“ einhergeht. Aufgrund des virtuellen Formats des diesjährigen Barcamps mussten jeweiligen Hosts ein eigenes Pitch-Video aufnehmen und hochladen, das Video auf der virtuellen Session Card verlinken und das Ganze auf dem virtuellen Info-Brett platzieren. Ich habe eine Woche vor dem Barcamp mein Pitch-Video aufgenommen, bei Vimeo hochgeladen und einen Link zu meiner individuellen Session-Karte gesetzt, damit sich alle Barcamp-Teilnehmenden ein Bild von mir und meinem Session-Thema machen können.

Dank der Pitch-Videos der Host hatte alle Teilnehmenden die Möglichkeit erste Eindrücke über die Speaker|innen, das Thema und den Stil der Session zu erhalten. Alle Barcamper hatten also eine Entscheidungsgrundlage, für ihre Wahl ob das jeweilge Thema einer Session für sie selbst interessanter sein könnte, als die aller anderer Sessions, welche gleichzeitig stattfinden würden. Fast die Hälfte aller Teilnehmenden konnte ich mit meiner Session-Ankündiung überzeugen, sodass sie an meiner Session teilnahmen. Unten seht ihr mein Pitch-Video (46 Sek.) für meine Session namens „How to unfuc* your form field“.

„Meine Session dreht sich rund um DIGITALE FORMULARE. Sieh dir den Session-Pitch für die Remote-Version des „UXcamp Europe 2021“ vom 5.-6. Juni 2021 an:
Schon mal beim Ausfüllen von digitalen Formularfeldern frustriert gewesen? Jemand hat das designt! Ich habe mich gefragt, warum solche standardisierten und gemeinhin verwendeten Elemente -wie Formularfelder- oft eine so verbesserungswürdige Nutzungserfahrung (UX) haben.
Seit Jahren sammle ich entsprechende Beispiele aus dem Web. Nur für diesen Talk :-)
In meiner Sitzung werden wir uns einige problematische Formularfeld-Beispiele ansehen. Ich nehme euch mit auf eine investigative Reise rund um Formularfelder, während wir natürlich nebenbei auch einige Fakten klären werden: Wofür benötigt man Formularfelder? Wann verwenden mand welche Art von Formular-Elementen? UND SCHLIESSLICH wie gestaltet man Formularfelder richtig?
Ich freue mich, euch bei in meiner Session zu begrüßen. Cheers, Christina
(gesendet aus dem Wohnzimmer meiner Kater)"

Die Session

Meine Session beim UXcamp Europ 2021 beruhte auf einer Präsentation; dafür arbeitete ich an einem roten Faden, dem Entwurf der Präsentationsfolien und sammelte bzw. prüfte die entsprechenden Quellen. Im Anschluss daran machte ich einen Probelauf mit einem kleinen Testpublikum, baute das Feedback in meine Folien, Inhalten und schärfte das „Ironie-Level“ nach. War der Inhalt verständlich? Sind die einzelnen Folien verständlich gestaltet? Kann man alles gut lesen? Kann man mich auf Englisch gut verstehen? Funktionieren die automatisch-generierten Untertitel von Microsoft Teams? Hat die Präsentation einen nachvollziehbaren Aufbau? Ist alles zusammen spannend genug, um 35 Minuten lang zuzuhören?

Ich habe meine Session über Microsoft Teams gemacht. Auch wegen der Möglichkeit, die Session live zu untertiteln zu lassen.

Und da das diesjährige Barcamp virtuell stattfand, machte ich auch einen Tech-Check: Wie hell muss das Licht sein? Kann man mich gut hören? Kann man meine Präsentation sehen, wenn ich meinen Bildschirm teile? Ist es möglich, den Vortrag gut aufzuzeichnen? (Spoiler-Alarm: bei meinem Livestream hat fast alles gut funktioniert, aber ich habe die ersten Minuten der Aufnahme verpasst, also zeichnete ich den Session-Start noch einmal auf und setze später im Videoschnitt alles zusammen.) Hier könnt ihr euch die Aufnahme (Original mit Untertitel) meiner UXcamp Session ansehen (oder euch in den entsprechenden Artikel einlesen):


Das Barcamp-Gefühl

24 Stunden lang: individuelle Themen rund um „User Experience & Design“, gefüllt mit Talks, Diskussionen und Workshops, eingebettet in eine virtuelle Barcamp-Atmosphäre. Das Organisationsteam startete am Samstag, den 5. Juni (15 Uhr MESZ) und streamte das „Willkommen“ live auf YouTube. Das Miro-Board mit allen einzelnen Sessions war voll, es wurde mit den Teilnehmenden gezeigt und das Prinzip erklärtund die Slack-Community vorgestellt. Typisch für Barcamps sind alle Teilnehmer|innen, aber kein (passiven) Zuschauer. So stellte ich bei Slack eine sehr offene und gesprächige Event-Community fest, manche Sessions kamen noch spontan hinzu und es gab viele Postings, Nachrichten und Lob auf Twitter (oder Instagram oder Linkedin…) unter dem Hashtag #uxce21.

Die meisten Barcamp-Sessions dauern 45 Minuten. Dazwischen sind 15 Minuten Pause. Digital gab es diesbezüglich ein bisschen mehr Flexibiltät. Ich besuchte jede Stunde eine andere Session (außer natürlich während meines eigenen Session-Slots). Die Details auf den Session Cards und die Pitch-Videos waren bei der Auswahl eine echte Unterstützung, obwohl es manchmal schwer war, sich für eine Sitzung zu entscheiden, während eine andere vielversprechende Session zum gleichen Zeitpunk stattfand. Ein überaus bekanntes Barcamp-Gefühl. Die Variationen der Präsentationsstile und Werkzeuge waren erstaunlich. Die jeweiligen Gastgeber|innen der Sessions stellten den Zugang über ihre eigenen Microsoft Teams-, Zoom- oder Whereby-Konten zur Verfügung; sie präsentierten über Kamera, Power Point, Miro, Mural, Google Presentations. Es wurden rege Diskussionen geführt, Vorträge für fast jedes UX-Erfahrungsniveau gehalten und Live-Workshops gemacht (ich habe ein bisschen Handlettering gelernt, meine Ergebnisse seht ihr hier). Die Bandbreite der Sessions ging von UX-Themen bis hin zu Achtsamkeitsübungen; Und all dies, während in jeder Sitzung ein informeller, respektvoller, gemütlicher, virtueller und sicherer Raum geschaffen war.

Dann war es endlich soweit. Meine Sitzung begann… Wie üblich, war ich klar und fokussiert, plus gleichzeitig ein bisschen nervös und aufgeregt. Daumen drücken! – Denn während des gleichen Timeslots (meiner war um 20 Uhr Münchner Sommerzeit), boten auch andere Hosts ihre Sessions an (ein bekanntes Barcamp-Dilemma). Spoiler-Alarm: Alles gut gelaufen. Ich bekam freudliches Feedback vom Publikum und plauderte in den nächsten Tagen mit einigen Leuten, die an meiner Sitzung teilnahmen. Etwas, das ich auch machte, wenn ich Teilnehmerin einer anderen Session gewesen war.

Die anregenden, sensiblen und informativen Sessions dieser einzigartigen Veranstaltung – mit einer einzigartigen Community – endeten mit einer finalen Session des Barcamp-Organisationsteams am Sonntag, den 6. Juni 2021. Das Finale wurde über YouTube ausgestrahlt. Alle wurden um Feedback gebeten, wir hörten Gitarrensound und hatten Konfetti. Und nach fast 24 Stunden eines solchen Barcamp-Happenings, und ganz ähnlich zu meinen früheren Barcamps, die ich besucht hatte, muss ich mal wieder zugeben:

Es hat Spaß gemacht. Es war intensiv. Ich bin wieder überwältigt, aber groggy. Und natürlich freue ich mich schon auf das nächste Jahr.

Ein ganz besonderer Dank für die Unterstützung geht an Christoph – du warst ein tolles und geduldiges Testpublikum. Und natürlich DANKE auch an das Organisationsteams vom UXcamp Europe 2021: ihr habt ein super Remote- und Community-Event für 24 Stunden eingerichtet. An der Stelle auch ein Danke dafür, dass ihr mich und alle anderen Hosts im Vorfeld der Veranstaltung beworben haben (z.B. mit solchen Folien in der Kopfzeile des Artikels).


Wir sehen uns nächstes Jahr

Wenn ihr nächstes Jahr am UXcamp Europe teilnehmen möchtet: es findet am 4.-5. Juni 2022 statt. Ihr könnt den Newsletter für alle weiteren Informationen auf der UXcamp-Website abonnieren. Ich hoffe sehr, wir treffen uns dort (wieder). Und abschließend, wenn ihr mehr über digitale Formularfelder erfahren möchtet (darüber hielt ich ja meine diesjährige Session), können ihr darüber auch mehr in meinem Artikel „How to unfuc* your form field“ lesen.

Die Hosts kamen aus der ganzen Welt: 2021 war das UXcamp Europe ein wahrhaft weltweites Treffen von UX-Enthusiasten! Insgesamt waren wir über 1000 Leute aus über 25 Ländern und es gab über 80 Sessions in 24 Stunden. Eine erstaunliche Erfahrung. Dank an alle die dies möglich gemacht haben. ©UXcamp Europe

Quellen & zusätzliche Informationen

UXcamp Europe, die Website zum Event (Englisch-sprachig)
Session board 2021, das diesjähre Session Board vom uxcampeurope.org
How to Create an Engaging Virtual Conference (and Build Community): Lessons From a First-Time Attendee„,
ein weiterer Artikel (Englisch-sprachig) über das UXcamp2021 von Chez Boris

Bild Quelle (Titel): Portrait von Christina Humpf, Gestaltung vom UXcamp Europe für Linkedin